Samstag, 10. November 2012


Müde
  
Ein neuer Morgen bricht leise an, zeigt sich aber eher von seiner düsteren Seite. Kühl und mit Hochnebel, in dessen spärlichen, lichten Stellen sich immerhin ein wenig Blau erahnen lässt. So präsentiert sich der Himmel über einer düsteren, müde wirkenden Landschaft. Ein Duft von kühler Feuchte und welken Blättern, die still und in loser Folge vom einen oder anderen Baum zu Boden schweben, liegt in der Luft. Die Bäume und Blumen, die Wiesen und Wälder haben auch in diesen Sommer wieder alles gegeben, was sie uns zu bieten hatten. Vom Spriessen der ersten Blätter an den Bäumen im Frühling, über eine reichliche Blütenpracht bis hin zum ersten, sachten Verfärben ihrer Blätter. Nochmals zeigen sich die Blumen in all ihren herbstlichen Farben und Pracht. Nochmals glänzen die letzten reifen Früchte des Spätsommers an den Ästen der Bäume. Nochmals verleihen die Bäume ihren Ästen eine großartige Farbenvielfalt.

Aus der Stille der Nacht erwacht dieser neuer Morgen ins erste Tageslicht, gleich einem Falter, der aus seiner Verpuppung schlüpft. Erwacht in einen Tag, der bereits ein wenig nach dem kommenden Herbst duftet. Ein leiser Zauber, entstanden durch feinste Bodennebelchen, die sich zärtlich um Pflanzen schlängelt und diese mit tausenden kleinster Tautröpfchen segnet, verleiht der Landschaft etwas märchenhaftes.

Der Hochnebel beginnt sich im ersten Sonnlicht sachte aufzulösen, in einzelne Fetzen zu zersetzen, um sich dann wieder mit anderen gleichgesinnten zu neuen Schwaden zu verweben. Ein wogendes auf und ab, ein hin und her, gleiche einer Meeresbrandung, ein spannendes Spiel mit Höhenwind und Thermik. Im Gegensatz zu hier unten auf der Erde ist keine Spur von Müdigkeit auszumachen, im Gegenteil, ein munteres Treiben, zu dem sich nun auch noch ein Krähenvolk aus dem nahen Feld einzulassen scheint. Sie spielen mit lautstarkem Gekreische ihr Spiel mit dem  den Gezeiten am Himmel. 

Die herbstlich milde Sonne scheint noch nicht müde zu sein, sie setzt sich aber beharrlich durch. Nicht mehr mit der gleichen Kraft wie im Sommer, aber immer noch recht warm. Die letzten hartnäckigen Nebelschwaden lösen sich auf und geben nun so den Blick auf weiße Kaltluftwölkchen frei, die am klaren Himmel wie kleine Schiffchen übers blaue Meer dahin ziehen. Die abertausend Tautröpfchen auf Wiesen und Blättern beginnen zu Glitzern, als wären es die Sterne der Nacht.

Die wärmende Sonne verleiht nun auch der Landschaft neuen Glanz und neue Düfte. In einen milden, zarten Hauch gehüllt schweben sie als Duftwölkchen daher, vermischen sich mit dem Duft der Morgenfeuchte zu einem ganzen, würzigen Etwas, das nach Herbst riecht, nach Müdigkeit, aber auch nach Gelassenheit und Reife. Nimmermüde Bienenvölker summen und brummen den letzten Blumen entgegn, um vom letzten süßen Tau zu naschen- Letzte Schmetterlinge tun es ihnen gleich. Spielend flattern sie von Blume zu Blume, gefolgt von Libellen, die angelockt von taufeuchten Wiesen gleich kleiner Helikopter über dieselben schweben. Ein zweiter Frühling scheint ausgebrochen zu sein, ausgereift und erwachsen geworden, Licht- und Dufterfüllt, aber keine Spur von Müdigkeit...

Oder etwa doch? Ein welkes Blatt schwebt wieder leise zu Boden und da noch eins...

© Hans-Peter Zürcher

Mittwoch, 4. Juli 2012


Ein stürmischer Augenblick

Schon den ganzen Tag blies ein stürmischer Wind. Die Wolken am Himmel schienen sich zu jagen, mal mächtig und dunkel, mal weißlich sich aufplusternd. Zwischendurch immer wieder scheue Blicke der Sonne, die jede noch kleine Lücke ausnutzt um uns einen milden Kuss zu verabreichen. Für mehr reichte es jeweils nicht. Ein wildes Spiel, das Bilder am Himmel projiziert, aber auch über die Hausdächer und an den Giebelwänden der Stadt ihr vergängliches Spiel mit Licht und Schatten zauberte. Die Luft draußen war sehr warm, eigentlich viel zu warm für den Mai. Der Wind und die spärlichen Sonnenstrahlen genügten aber, die Luft noch mehr aufzuheizen. Das offene Fenster in meinem kleinen Büro schlug ab und an, denn der freche Wind trieb auch sein Spiel mit ihm, ja er getraute sich sogar, und dies ungebeten, in mein Kämmerchen einzutreten, um dann ganz verschämt und mit Geheul durch den Türspalt sich ins Haus zu verlieren.

Im nahe gelegenen Gymnasium schien gerade Pause zu sein, eine Schar übermütige Mädchen stürmte dem Wind gleich den Münsterberg hinunter. Sie scheinen sich zu necken, lachten und schrien und verloren sich rasch in der Stadt. Zurück blieben nur das Geräusch des Windes, sein Geheul und die Freude, dass ich bald mal Feierabend machen konnte, umso mehr dieser Arbeitstag dem stürmischen Aprilwetter im Mai glich.

Meinen Kopf nach vorne geneigt, den Hut streng ins Gesicht gezogen, versuchte ich den Windböen zu trotzen und war dann sehr froh, endlich im Tram sitzen zu können, ohne dass ich mich ständig um meinen Hut bangen musste. Denn der Wind versuchte tatsächlich, mir diesen vom Kopf zu reißen, nur, ich war schneller und konnte ihn jeweils gerade noch festhalten.

Das Tram war an diesem späten Dienstagnachmittag recht gut besetzt. Das war gut so, denn so war es mir möglich Fahrgäste zu beobachten und zu studieren. Menschen unterschiedlicher Herkunft steigen aus, neue stetigen wieder zu. Ein beständiges Kommen und Gehen, genau so wie der Wind draußen. Schwatzend, lesend oder einfach nur aus den Festern schauend werden all die Passagiere durch die Stadt gefahren, von Haltestelle zu Haltestelle, von der einen Seite der Stadt zur anderen.

Sehr rasch fiel mir schräg gegenüber ein recht hübsches Mädchen auf, das ganz in sich vertieft mit ihrem Handy spielte und mit gekonnter Präzision und Geschwindigkeit SMS einzutippen schien. Immer wieder kurz unterbrechend schaute sie zum Fenster hinaus, träumend und in Gedanken verloren, ja, genau so sah es aus. Jede neu ankommende Nachricht trieb ihr immer wieder eine zarte Röte über ihre jugendlichen Wangen, brachten ihre schönen braunen Augen zum leuchten. Ab und zu huschte ein lächeln über ihr Gesicht, das mich an das Schattenspiel der Wolken auf den Dächern und Giebelwänden erinnerte. Die Aufregung in ihr schien sich ins Unermessliche zu steigern. Ich verlor das Gefühl für die Zeit wie auch für die Tramstationen, unablässig beobachtete ich dieses Mädchen.

Plötzlich schien sie die Geduld mit diesem Schreibspiel verloren zu haben, tippte hastig etwas ein und führte ihr Handy an ihr linkes Ohr: „hey du, ich bin jetzt an der Mustermesse.... ja ich hab dich auch sehr lieb... “, wieder schoss ihr diese zarte Röte ins Gesicht, machte dieses Mädchen noch hübscher dadurch, noch schöner „wo bist du?... am Bad. Bahnhof?... jetzt bin ich an der Gewerbeschule vorbei... ja steige da aus... ja, ich bin auch gleich dort“. Beim einfahren in die Haltestelle schaute ich gespannt zum Fenster hinaus, - ob ich wohl ihren Schatz erkennen kann im Gewimmel der vielen wartenden Fahrgäste? -.

Inzwischen hat sich das Mädchen an die Türe gestellt, schaute nach draußen in die Menge, die eine Hand an die Scheibe gelegt, mit der anderen Hand hielt sie sich an der Haltestange fest und bewegte ihren Kopf nahe der Fensterscheibe beständig hin und her. Erleichterung schien ihren Körper zu durchströmen, sie winkte kurz und heftig, tänzelte vor Aufregung wie ein Zirkuspferdchen. Ja, jetzt sah ich ihn auch, er winkte wie wild zurück, warf ihr Kusshände zu. Ein ebenso schöner Jüngling, ja, passt wunderbar zu diesem hübschen Mädchen. Die Türe war noch nicht ganz offen, schon stürmte das Mädchen wie ein Wirbelwind aus dem Tram in die Arme ihres Freundes, ja, ihr Freund musste es sein, denn so wie die beiden sich nun küssten und umarmten, ja, stürmischer ging es wirklich nicht.

© Hans-Peter Zürcher  

Mittwoch, 20. Juni 2012


Ein Frühsommertag

Eine regenreiche Nacht tümpelt sich in einen eher düster anmutenden Morgen.  Nur vereinzelt sind Amselgesänge wahrzunehmen. Aber die Krähen, ja, die waren voll in ihrem Element. Mit ihrem krää-krää-krää, das Überlaut in die Stille des erwachenden Morgen hinein lärmt, meinen sie wohl, die Welt aus ihrem schlaf wecken zu müssen. Nur zögernd beginnt der neue Tag zu lichten. Vom Vordach tropft unregelmäßig, aber dennoch stetig Regenwasser.

Auch wenn kein Erwachen mit Vogelgesang einem in den neuen Tag verführt, ist es dennoch ein angenehmes Gefühl, sich mit einer solchen Stimmung in den Tag zu bewegen. Denn langsam mit dem werdenden Morgenlicht können vereinzelte schwache Momente von leisem Blau im Wolkenmeer ausgemacht werden. An Blumen und Sträuchern, an Blättern und an noch kahlen Ästen glitzern tausende kleiner Regentropfen. Jeder für sich in Größe, Form und Farbe ein Unikat...

Gestern, da war es noch völlig anders. Blauer Himmel und Sonne wohin man schaute. Doch was war denn das? eine kleine Wolke, frech und flink, ließ für nur kurze Zeit die Sonne verdunkeln und wie aus heiterem Himmel rauschte ein heftiger Regenschauer nieder. Noch während dieser sich rauschend und zischend über Bäume und Wiese ergoss, zeigte sich bereits wieder die Sonne mit ihrem gleißenden Licht. Als ob ein dampfender Wasserfall sich über die Landschaft ergoss, durch den sich  Äste und Blätter in schönstem Licht räkelten. Ein fantastisches Bild, das nur sehr kurz von seiner Poesie lebte.  Dann spielten Licht und Schatten ihr Spiel, begleitet vom Summen und Brummen, vom Singen und Jubilieren. Die Natur spielte ihr Spiel, ihre Reize und ihre Sinne aus.

...Diese Herrlichkeit ist nur von kurzer Dauer. Denn schon bald verliert sich dieser leuchtende Glanz in ein tristes Grau eines Regentags. Kein Summen und Brummen der Bienen über dem Lavendelstrauch, kein Singen und Trällern von Amsel und Mönchsgrasmücke. Dafür das monotone Tropfen von Regenwasser vom Vordach in eine dumpf vor sich hinstarrende Pfütze.  Hoch oben in der dampfenden Frühsommernässe durchbrechen die heiseren Schreie von Krähen die Regen- und  Tropfgeräusche dieses Tages, der sich wohl wieder in eine regenreiche Nacht entflieht.

© Hans-Peter Zürcher

Donnerstag, 3. Mai 2012



 Weg der Tugend

„Wohin des Weges?“ ein wenig aufgeschreckt aus seinen tiefen Gedanken sieht ein junger Wanderbursche einen alten, ergrauten Mann am Wegesrand sitzen. „Ach“ antwortete der junge Wanderbursche, „ich wandere auf dem Pfad der Tugend“. „Das ist sehr weise von dir“, der Alte machte eine kurze Pause, „weißt du, wer keine innere Haltung besitzt, kann diesen Weg nicht beschreiten. Er ist nicht immer einfach zu begehen, ab und zu kann er auch sehr beschwerlich sein“. „Ja, das hast du vollkommen recht. Weißt du, ich durfte auf meinem Weg bereits zwei Tugenden kenne lernen. Der Glaube und die Liebe. Die Hoffnung ist die dritte Tugend, die ich noch erlernen möchte. So einfach das Wort Hoffnung auch klingt, es ist gar nicht so einfach, diese zu erlangen“. „Oh“ antwortete der Alte, „das ist wahrlich so. Die Hoffnung ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintritt, ohne dass eine wirkliche Gewissheit darüber besteht. Und genau im Letzteren liegt die Erschwernis, diese Tugend zu erlernen“. Er machte wiederum eine Pause, betrachtete den Jüngling und lächelt. „Schau“, redet er weiter, „du hast den Glauben gefunden und auch die Liebe kennengelernt, also wird es dir leicht fallen, auch der Hoffnung zu begegnen“. Nun lächelt der Jüngling zurück, ein strahlen und leuchten erhellt seine Augen. „Oh ja, jemand hat mir einmal gesagt, dass Glaube und Liebe getragen werden von Hoffnung“. „Genau so ist es mein junger Freund, Glaube beruht auf Willen und ist absolute Wahrheit und die ist wiederum dem Glaubensinhalt unterstellt. Glaube unterscheidet sich aber von Wissen. Er beruht auf Vermutung, welche die Wahrheit des vermuteten Sachverhalts wohl annimmt, aber gleichzeitig vieles offen lässt, was sich letztendlich als Tatsache oder Erkenntnis widerlegt. Somit wandelt sich Glauben zu wissen“. Nach einer kurzen Pause fährt es fort, „Glauben kann aber auch die Bedeutung haben, jemandem zu vertrauen“. „Dann ist es also so, dass Hoffnung uns Menschen positiv stimmen, kann in die Endlichkeit unserer Existenz“ antwortet der Jüngling in etwas fragender, aber doch bestimmender Haltung. „Ja, genau, mein junger Freund, genau so wie die die Liebe, die du ja ach bereits kennengelernt hat“. Er lächelt dem Jüngling verschnitzt zu. „Ja, sicher“ antwortet der junge Bursche, „ ich habe erfahren dürfen, und das schon als Kind, dass die Liebe mit schönen Gefühlen und innerer Wärme verbunden ist. Eine starke Zuneigung, das Lebewesen zu empfinden fähig macht. Es entstehen mächtige Gefühle, eine innere Haltung positiver und inniger Verbundenheit“.

Der Alte steht auf, legt seinen Arm über die Schulter des Jungen und geht so einige wenige Schritte mit ihm des Weges. Dann bleiben sie stehen, „siehst du, so wenig braucht es, und du erlangtest die Grundwerte der Tugend. Ja, du hast diesen wichtigen Weg auf dich genommen und das ist auch recht so. Denn Tugend ist ja nichts anderes als Besitz einer positiven Eigenschaft. Nämlich eine Fähigkeit, die innere Haltung und das Gute mit innerer Neigung zu verbinden. Dieses Teilstück deines Lebensweges hast du nun erfolgreich hinter dich gebracht und bist bereit, den Weg der Weisheit zu begehen. Über den Weg der Tugend zum Baum der Erkenntnis“...

© Hans-Peter Zürcher

Montag, 23. April 2012


Abschied

Die Eintönigkeit der Bahnfahrt wird an jeder Haltestelle, die kurz zuvor ausgerufen wird, für kurze Zeit unterbrochen. Ob wohl der Zug gut besetzt ist, herrscht Ruhe und eine eher eintönige Stimmung. Einige Passagiere haben keinen Sitzplatz und stehen draußen vor dem Abteil. Die meisten der Fahrgäste hören über ihre mp3 – Spieler Musik, spielen mit ihrem Handy oder sind in eine Zeitung oder in ein Buch vertieft. Andere wiederum dösen müde von der Arbeit vor sich hin. Ich genieße die Ruhe im Eisenbahnwagen, aber ein wenig geplaudert aber hätte ich schon sehr gern.

Nun, so beobachte ich dann die einzelnen Fahrgäste. Die. die schon länger im Zug saßen, kannte ich nun schon einiger maßen gut, so meinte ich wenigstens. Im Abteil mir schräg gegenüber sitzen zwei junge Frauen. Auch sie sind jede für sich mit Musik und etwas lesbarem beschäftigt. Kommunikation scheint heute nicht mehr gefragt zu sein, alle wollen nur noch für sich alleine sein. Keine Gespräche, kein Lächeln, nichts, alle sitzen da, alle mit einem gleichartigen, versteinerten Gesichtsausdruck.

Auf der linken Seite kann man zwischen den Häusererreihen und Baumalleen ab und zu den Bodensee mit dem nahen, gegenüberliegenden Schweizerufer erkenne. Der Himmel ist bedeckt, doch eine wunderbare Weitsicht ist dank dem Föhn vorhanden. Das eintönige Rumpeln und Wiegeln des Eisenbahnzuges wird jeweils kürz vor der Einfahrt in einen Bahnhof durch ein hüpfendes dädedämm-dädedämm-dädedämm, das einen metallischen Nachklang in sich hat, unterbrochen.

So auch eben gerade jetzt. Aus dem Lautsprecher erklingt eine unpersönliche sterile Durchsage, die im Rattern beim überfahren der Weiche beinah untergeht: “Radolfzell, bitte benutzen sie zum Aussteigen den Ausgang auf der linken Seite„. Die Bremsen quietschen, der Zug hält an. Im Wagen entsteht geschäftiges treiben, einige Passagiere steigen aus, die, die bis an hin draußen vor dem Abteil gestanden haben, suchen nun nach einem freien Platz.

Draußen auf dem Fahrsteig steht eng umschlungenes ein sich heftig küssendes Liebes-paar. Er löst sich zart und sachte aus der Umarmung und möchte einsteigen, kann aber nicht loslassen. Sie umarmen sich erneut heftig und innig. Sie lösen sich wieder voneinander, schauen hoch zu Bahnhofuhr, beide Tränen in den Augen. Ein letztes Umarmen, zwei, drei Worte, ein Kuss, einletzter Händedruck, dann entgleitet der Mann aus den Händen seiner Geliebten und eilt dem Eingang zu. Völlig verweint steht sie nun suchen da und schaut aufgeregt, in welches Abteil ihr Geliebter nun einsteigen würde.

Er kommt in unser Wagenabteil, hastig eine Träne abwischend und setzt sich mir schräg gegenüber zu den beiden jungen Frauen. Die beiden Liebenden werfen sich nun beständig und beherzt Kusshände zu und versuchen, trotz ihres sichtlich großen Trennungsschmerzes zu lächeln. Langsam beginnt sich der Zug in Bewegung zu setzten. Der Mann stützt sich mit der einen Hand am Fenster ab, mit der anderen Hand schickt er seiner Geliebten nochmals einen letzten Kuss zu und sinkt dann sichtlich traurig zurück in seinen Sessel. Seine Hände auf dem Mitteltischchen übereinander gelegt sitz er nun in Gedanken versunken da. Ein Strom von leisen Tränen rinnt über sein Gesicht. Er scheint nicht bemerkt zu haben, dass die junge Frau, die ihm gegenüber sitzt, ihn mit großen Augen beobachtet. Sie hatte, wie ich auch, diese berührende Abschiedszene bereits auf dem Bahnsteig beobachtet. Und nun geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte. Sie legt ihre Ohrhörer weg, stellt den mp3 – Spieler ab und legt ihre Hand auf die Hände von ihrem ihr gegenüber sitzenden, fremden Mann. Mit der Anderen reicht sie ihm ein Taschentuch und lächelt ihn verständnisvoll an. Sie scheint selbst von diesem Abschied berührt zu sein.

Dädedämm-dädedämm-dädedämm, der Zug rattert über die letzten Weichen von Radolfzell, draußen flitzen Bäume, und Häuser vorbei, ein letztes Aufblitzen des Bodensees, dann eine immer düsterer werdende Landschaft mit Wald und Feldern, eine Landschaft, die langsam beginnt einzudunkeln. Mir eintönigem Rumpeln entflieht im Eilzugtempo der Nacht entgegen, dädedämm-dädedämm-dädedämm...

© Hans-Peter Zürcher

Freitag, 6. April 2012


Frohe Ostern

Nun hoppeln sie wieder, die vielen Osterhasen aus Schokolade, rotem Zucker, Marzipan und Nugat. Auch alles andere, was sonst noch so für dieses Fest verkauft werden kann, stapelt sich auf Ladentischen und in Regalen in Unmengen. Eier in jeglicher Art und Form aus Schokolade, Pappe, Holz oder der gleichen. Aber auch  Parfüm, Schmuck, Dekorationsgegenstände von Rustikal bis Edelkitsch für die Erwachsenen und Spielsachen für die Kinder. Die Geschenke von Weihnachten sind ausgepackt, umgetauscht und längst vergessen. Deshalb ist es äußerst wichtig, dass wieder Neues unter die Menschen gebracht wird. Auch ess- und trinkbares in rauen Mengen wird unter das Volk gebracht, denn die Fastenzeit ist ja zum Glück nun vorüber. Die Osterfeiertage sind wie die Weihnachtsfeiertage, nichts anderes mehr als Umsatz fördernde Geschäftsfeiertage. Und die sind ja dringend notwendig um der Wirtschaft willen.

Die Schaufenster und Regale in den Verkaufsgeschäften sind schon seit geraumer Zeit, nämlich bereits ab Mitte Februar zum Einstimmen auf dieses Fest dekoriert und gefüllt. Nach dem Motto: "denn süßer die Kassen klingeln", werden fleißig Osterhasen und andere Süßigkeiten eingekauft und vernascht, bis sich dann eine Sättigung bei Groß und Klein bemerkbar macht. So wird dann drei Wochen vor dem Fest mit großzügigen Rabatten auf das ganze Schleckarsenal der Verkauf nochmals tüchtig angekurbelt. Und was nicht verkauft werden kann, wird dann nach Ostern zum halben Preis verscherbelt. Auf Ostern kann dann auch noch vieles andere geschenkt werden, auch solches wird schon seit Wochen versucht an Mann, Frau und Kind zu bringen. Autos, Unterhaltungselektronik, Schmuck, Parfum, Spielsachen jeglicher Art, auch kleine, niedliche Haustiere sind gefragt. Diese kann man denn vor den großen Sommerferien einfach irgendwo aussetzen, also kein Problem.

Und dann endlich geht es los. Einige Tage vor dem Fest fährt man voll gepackt mit all den eingekauften Herrlichkeiten gegen Süden, erst Stundenlang im Stau, nachher in überfüllten Städten und Dörfern. Dies alles ist wunderschön, man ist umgeben von lauter Gleichgesinnten. Nun kann man endlich zwei Wochen Osterurlaub vom feinsten geniessen, anstehen beim Mittagsbuffet, anstehen an den Bergbahnen und an den Skiliften, anstehen für eine freie Sitzbank am Lago Maggiore oder am Lago di Lugano. Aber was soll’s, man hat ja Urlaub. An den Verkehrslärm hat sich ja unser Gehör auch schon längst gewohnt, denn den hat mancher ja zu Hause auch, nur nicht in einer solch schönen Umgebung. Und die Schlafgelegenheiten in den überbuchten Hotels, auch dies ist kein Problem, es kann ja im Schichtbetrieb geschlafen werden, wenn die einen am Feiern sind, können die anderen schlafen und umgekehrt. Es heißt ja: - frohe Osten - ... also, wird gefeiert was das Zeugs hält!

© Hans-Peter Zürcher

Sonntag, 1. April 2012


Leben

oder wie wenig es dazu braucht...

Ein Essay

Wenn man das Glück erfahren darf, in der freien Wildbahn Tiere zu beobachten, sich in freier Natur zu bewegen, dann ist das ein großes Geschenk.

Wir Menschen sind ein Teil dieser Welt, genau so wie Tiere und Pflanzen, wie auch die ganze Natur. Wenn wir das Recht und das Glück haben, hier Gast zu sein, hier verweilen zu dürfen, so haben das die Tiere und die Pflanzen auch. Oberstes Gebot ist es, dieses Gastrecht zu respektieren. Einem Gastgeber fügt man keinen Schaden zu, auch seinem Lebensumfeld nicht. Einem Gastgeber begegnet man mit Respekt und Anstand. Einem Gastgeber schenkt man Wertschätzung und Ehre. 

Leider ist es aber so, dass der Mensch nicht versteht, nicht verstehen will, dass er nur Gast auf dieser Welt ist. Er akzeptiert das Gastrecht nicht und widersetzt sich allen Regeln der Ehrfurcht und des Anstands gegenüber allem Leben auf dieser Welt und letztendlich auch vor sich selbst.

Wenn sich der Mensch nun seinem eigenen Lebensraum und dem der Anderen beraubt und alles ausbeutet und zubetoniert, wie ist es ihm dann noch möglich Leben aufrecht zu erhalten? Wenn der Mensch seinen eigenen Lebensraum und den der Anderen zerstört, zerstört er auch den Lebensraum der Tiere und der Pflanzen, wie ist es ihm dann noch möglich, sein Leben aufrecht zu erhalten?

Ein Leben auf dieser Welt ist doch nur dann möglich, wenn Vernunft vor Habsucht, Frieden vor Krieg, Beschützen vor Zerstörung, Anstand vor Raubbau und Wertschätzung vor Gewinnsucht stehen.

Hätte sich der Mensch nur einmal diese kleine, einfache Frage gestellt, so denke ich, hätte er merken müssen, dass das, was er täglich zerstört, unwiederbringlich ist und ein Leben auf dieser Welt dann nicht mehr möglich sein wird. Leider hat der Mensch die Chance verpasst, sich diese Frage zu stellen, leider hat der Mensch die Chance verpasst, sich diese einfache Antwort zu geben... und somit die Chance verpasst zu Leben...

© Hans-Peter Zürcher

Donnerstag, 9. Februar 2012


Erwachen

Es ist noch tiefer Winter in den Bergen, ob schon es bereits Anfang März ist. Stahlblauer Himmel und Sonnenschein geben der Winterlandschaft eine besondere Note. Der Schnee liegt noch meterhoch, so dass von den Hütten auf der Bussalp lediglich die Dächer herausschauen. Diese sind ebenfalls noch mit einer dicken Schneeschicht überdeckt. Eiszapfen, die in der wärmenden Sonne zu schmelzen beginnen, tropfen mit dem schmelzenden Schnee der Dächer um die Wette, uns singen ihre Melodie zusammen mit den leise gurgelnden Rinnsale und Bächlein, die noch irgendwo unter dem Schnee verborgen liegen.

Am nächsten Tag hat sich die Wettersituation komplett verändert. Vom Wetterhorn, der Fiescherwand oder vom Eiger hört man immer wieder Lawinen ins Tal donnern, denn sehen kann man sie inzwischen nicht mehr, der Nebel ist zu dicht geworden, und die Nebelgrenze nun zu hoch. Dementsprechend war es den ganzen Tag über schon recht düster. Gegen den Abend hin beginnt es aufs Neue zu schneien. Es sieht fast so aus, als ob dieser Winter nie enden wollte.

Der darauffolgende Tag ist nun wieder das pure Gegenteil, schon früh morgens sieht man die Sterne funkeln und der Vollmond trägt das übrige zur Winterstimmung bei. Und als dann später die Sonne über dem Mettenberg zum Vorschein kommt, und der Schnee zu funkeln und glitzern beginnt, war die Winterstimmung perfekt. Das Panorama, das vom Wetterhorn bis zum Gschpaltenhorn sämtliche Berggipfel aufzeigt, ist zusammen mit dem stahlblauen Himmel und den verschneiten Bergen schon eher fast kitschig anzusehen. Ein Bergwinter wie er nicht schöner und üppiger sein kann.

Und doch, einige Wochen später, gegen Ende Mai, scheint dann doch noch der Frühling zu erwachen. Die Sonne scheint immer stärker, die Tage werden immer länger, und so schmilzt auch auf der Bussalp der Schnee langsam dahin und es zeigen sich die aperen Wiesenhänge. Die Natur beginnt sich zu regen, die Vögel wie Bergfinken, Dohlen, Falken und Milane, sie alle verspüren das Neue, das Erwachen der Natur und die schneebedeckten Berge ringsherum tragen ihres zu dieser schönen Stimmung bei.

Über die ganzen Alpweiden ist nun der Frühling hereingebrochen. Enziane, Krokusse, Alpenakelei und dergleichen blühen aufs Schönste. Murmeltiere sonnen sich auf den von der Sonne erwärmten Felsbrocken oder führen freundschaftliche Zweikämpfe aus. Die ersten Hummel und Bienen summen und brummen über die Wiesen und suchen nach blumiger Nahrung. Da und dort liegen noch Schneereste und die Höhen der Burg und das Faulhorn sind noch mit viel Schnee bedeckt. Die kleinen und grösseren Bäche bringen gurgelnd und rauschend das Schmelzwasser aus den höheren Regionen zu Tal und ab und zu donnern kleinere Lawinen vom Wetterhorngipfel herab.

Und so wird es nicht mehr lange dauern, und die Alpweiden auf Bussalp werden vom Glockenklang der Viehherden erklingen. Aus den Schornsteinen der Alphütten wird Rauch vom Holzfeuer, über den die Käsekessi erhitzt werden, aufsteigen und seinen würzigen Duft verbreiten, die Alp erwacht und beginnt für einen Alpsommer lang zu leben. Alpenrosenbüsche erblühen und auch in den Alpwiesen blühen die Margeriten und andere Sommerblumen.

Und wenn dann im Oktober der erste Schnee auf die nun blühenden Heidekrautbüsche fällt, die Bussalp und die Natur in den Alpen wieder langsam in ihren Winterschlaf versinkt, ja, .......dann kann man sich auf das neue Erwachen im nächsten Frühling freuen!

© Hans-Peter Zürcher

Mittwoch, 25. Januar 2012


Rosen im Januar

An einem Donnerstag Ende Januar, schlenderte ich am frühen Nachmittag über den Markt von Basel. Ein eisiger Wind säuselte einem um die Ohren. Es waren nur wenige Stände aufgebaut, die Kälte hielt wohl die Markfahrer davon ab. An diesen wenigen Marktständen wurden vorwiegend Blumen feilgeboten. Ein Stand fiel mir besonders auf. An dem gab es wunderschöne Rosen aller Farben und Züchtungen zu kaufen. –Frische Rosen, hmm, jetzt im Januar- ging mir durch den Kopf -na ja, Eisblumen währen wohl für diese Jahreszeit sicher das Richtigere-.

"Guten Tag, wie lange halten denn diese schönen Rosen?", fragte ich den Händler. "Gut und gern sieben Tage", war seine Antwort. “Eigentlich nicht gerade lange für künstliche Rosen", gab ich lachend zurück und schlenderte weiter. -Mimosen wären jetzt eher angesagt-, ging mir durch den Kopf. Im Süden sollten um diese Jahreszeit die ersten Mimosenbäume in Blüte stehen.

Vor einigen Jahren hatte ich Mitte Februar in Locarno wunderbare Mimosenbäume in Blüte gesehen. Ein schöner Anblick, die runden, leuchtend gelben Blütenkugeln zwischen den gefiederten, sattgrünen Blättern. Zusammen mit der Ambiente der südlichen Baukultur und dem speziellen Duft, den diese Bäume verbreiteten, fühlte man sich bereits in den Frühling versetzt. Auch die Kamelienblüten faszinierten mit ihren großen roten und weißen Blüten im milden Klima des Südens. In der Ferne winkten die weißen, schneebedeckten Berggipfel, währenddessen in Locarno diese prächtige Blütenpracht lockte.

Zurück zu den Mimosen, deren Blüten sehr heikel sind. Wenn man diese als Sträuße gebunden in die warme Stube stellt, lassen sie sehr schnell die Köpfe hängen und verblühen im nu. Darum sagt man ja auch zu jemandem, der schnell aufgibt, den Kopf hängen lässt oder schnell mal den Beleidigten spielt, "du bist eine Mimose".

Also Mimosen wurden hier in Basel noch keine verkauft. Doch einige sah ich hier herumlaufen. Lassen wir darum diese Mimosen da, wo sie hingehören.

Ich kehrte an den Verkaufsstand von unserem Rosenhändler zurück und suchte mir ein kleines Rosengesteck aus. Er hatte wirklich wunderbare Rosen feil, das machte mir die Wahl nicht gerade einfach. Das von mir ausgesuchte tönerne Töpfchen war mit zwei gelben Rosen mit violetten Blütenrändern auf dunkelgrüne Blätter gesteckt und ausgeschmückt mit kleinen Ästchen mit zig leuchtendgelben Blütendolden. Kleine rote Beeren verfeinerte das kleine Kunstwerk. Beim bezahlen sagte er mir "und dieses Gesteck hält ihnen mindestens zehn Tage". Ich musste ihn ganz ungläubig angeschaut haben, denn er lächelte und meinte "ehrlich, sie müssen nur einmal, nach fünf Tagen, Wasser geben, aber bitte nur wenig".

Nun, seither waren fünfzehn Tage vergangen, und dieses hübsche Kleinod stand immer noch in voller Frische im Wohnzimmer auf dem Glastisch und erfreute mein Herz und das der weißen Tara neben ihm.

Selbst nach Jahren steht dieses Töpfchen immer noch neben meiner weißen Tara. Die Rosen sind immer noch sehr schön anzuschauen, aber inzwischen dürr und leicht verblasst, wirken dafür aber etwas reifer, eben wie wir Menschen auch.

© Hans-Peter Zürcher

Sonntag, 8. Januar 2012


Tauwetter

Diese Kurzgeschichte habe ich meinem Vater gewidmet. Leider weilt er schon viele Jahre nicht mehr unter uns, sein Herz konnte einfach nicht mehr. Er hatte immer versucht, uns das Leben so angenehm wie nur immer möglich zu gestalten, und dass es uns, im Gegensatz zu seiner Kindheit und Jugend, möglich war, einen Beruf zu erlernen. Was ihm nicht vergönnt gewesen, hat er mir ermöglicht.

Danke mein lieber Vater....

Hans-Peter

Die Sonne brannte auf die Erde nieder, als hätte sie den Auftrag, diese zu verbrennen. Der Himmel zeigte sich seit vielen Wochen in tiefem stählernen Blau, kein Wolkchen, das für wenige Sekunden bereit gewesen wäre, dieser Brennerei, wenn auch wenigstens nur für einige wenige Sekunden, ein Ende zu setzen. 36° im Schatten war im Unterland täglich zu verzeichnen, selbst in der Nacht fiel das Thermometer nicht unter 25°. Auch in den Bergen war es nur ein wenig angenehmer, auf 1500 müM erreichte das Quecksilber immer noch spielend die 30° - Marke. Ein außergewöhnlich heißes Jahr .
Die Wiesen und Äcker waren braun verbrannt, braun waren Arme und Gesichter der Feldarbeiter, die in dieser Hitze ihre Arbeit verrichten mussten. Gnadenlos der Sonne ausgesetzt, von Frühmorgens bis Abends, nur zwischendurch mal eine Pause im Schatten eines Baumes. Käse, Brot und Most. Bauer, Knecht und zwei Kinder waren es, die sich da täglich abrackerten, wobei die Kinder nicht etwa eigene waren, nein, Verdingkinder waren es, die da in dieser Gluthitze ihre Arbeit verrichten mussten.

Hans hatte es nicht einfach, er verlor mit zehn Jahren seinen Vater. Von da an war es fertig mit seinem Kinderdasein, seine Mutter verdingte ihn zu Bauern. Im Winter zur Schule im Sommer zu den Bauern. - Wie schön wäre es, wenn es jetzt Winter wäre -, träumte er vor sich hin, während er das verdörrte Gras mit dem Rechen, der ihn um einiges überragte, zusammenzog. Noch am gleichen Tag wo das Gras, das eh schon verdorrt war, geschnitten wurde, konnte es eingebracht werden. Auf den Winter freute er sich den ganzen Sommer über, denn da durfte er Kind sein, mit seinen Kameraden spielen, seinen Wissensdurst stillen und den Geschichten, die der Lehrer jeweils am Samstag vorlas lauschen, vorbei die Rackerei. Vorbei bis zu dem Zeitpunkt, da das Tauwetter begann, das Eis und Schnee schmelzen ließ und seine Mutter ihn wieder an Bauern verdingte.

Durst hatte er, dabei war es erst acht Uhr am Morgen, noch eine ganze Stunde musste er ausharren, bis dann die Magd mit dem Handkarren die Brotzeit brachte. - Jetzt nur nicht schlapp machen - ging ihm durch den Kopf, denn noch allzu gut erinnerte er sich an den Herbst vor drei Jahren, als er beim Mist austragen zusammenbrach. Unbändige Schmerzen in Brust und linkem Arm. Das Herz des Buben konnte dieser Schufterei nicht standhalten, hatte gestreikt, ein Herzinfarkt im zarten Kindesalter. Wie etwas Unwirkliches saß diese Leidenszeit in ihm fest, tief in die Seele eingebrannt. Verlorene Tage, Wochen und Monate. Kaum genesen ging’s schon wieder los, vielleicht nicht mehr mit ganz so schwere Arbeiten wie vorher, aber in dieser Hitze zu arbeiten, das war sehr schwer, auch wenn es nur um Heu zusammen rechen ging.

An eine Ausbildung war nicht zu denken, denn die Schulbildung wies zu große Lücken auf, Lücken die nur durch Lebenserfahrung geschlossen werden konnten. Und so blieb es dann eben ein Leben lang. Als Kind verdingt, als Erwachsener ungebildet durch ein Leben voller Hindernisse, die nur durch sein gutes Herz gemeistert werden konnten, ein Herz, das von unmenschlicher Schufterei angeschlagen war und trotzdem hatte Hans ein gutes Herz, das er seiner Familie schenkte.


© Hans-Peter Zürcher